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Freispruch?

June 13th, 2007 by G!

Aufgrund meines juristischen Uni-Abschlusses und meiner Vergangenheit als Swissair-Pilot wurde ich in den letzten Tagen vermehrt auf die Freisprüche im Swissair-Strafprozess angesprochen. Eigentlich wollte ich mich zu dieser Thematik im Blog auch nicht äussern, aber ich habe es mir anders überlegt, weil mir der Journalist Frank A. Meyer die Arbeit abgenommen hat.

Zuerst muss ich noch folgenden "Disclaimer" anbringen: Bis auf wenige Ausnahmen habe ich das Wort "nie" aus meinem Wortschatz gestrichen. Eine davon ist bzw. war, dass ich nie gedacht hätte, dass ich jemals, auch nur ein einziges Mal, mit Frank A. Meyer einer Meinung bin. Das war ein Fehler, denn in diesem Fall bin ich seiner Meinung. Bis auf das letzte Wort, drum überlasse ich es ihm:

Unfähigkeit schützt vor Strafe
VON FRANK A. MEYER
10.06.2007 | 12:34:48

Vreni Spoerry, jüngst vor dem Bülacher Gericht um jedes Wort verlegen, also stumm, hat nach dem Freispruch ihre Sprache wiedergefunden: «Ich bin froh», so die Swissair-Verwaltungsrätin, «dass jetzt ein Gericht zum Schluss gekommen ist, dass die Vorwürfe nicht zutreffen.»

Richtig an diesem Satz ist: Das Gericht verneint in ihrem wie in 18 anderen Fällen strafbares Handeln.

Steht Vreni Spoerry jetzt wieder blitzblank da?

Wie ihre ebenfalls freigesprochenen Kollegen hat die frühere freisinnige Bundesparlamentarierin im Swissair-Verwaltungsrat getan, was sie konnte. Das Problem: Sie konnte zu wenig.

Wie ihre ebenfalls freigesprochenen Kollegen konnte Vreni Spoerry nichts, was die Swissair vor der Pleite bewahrt hätte.

Doch wenig gekonnt, zu wenig gekonnt, nichts gekonnt – das alles ist nicht strafbar. So ist das nun mal in der Wirtschaft, so ist das nun mal in der freien Gesellschaft. Und es ist gut so.

Gerichte sind nicht dazu da, Unfähigkeit zu ahnden!

Und weil das so ist, treffen die Vorwürfe, Vreni Spoerry sei mitverantwortlich am Crash der Swissair, weiterhin vollumfänglich zu. Deshalb sind auch all die Mitverantwortlichen am Swissair-Debakel durch keinen Richterspruch reinzuwaschen. Deshalb provoziert diese bittere Affäre zu Recht erneut Empörung.

Mächtige und mächtigste Lenker der Schweizer Wirtschaft, die nach Gutsherren-Art dem ganzen Land den Marsch blasen wollten, stehen nach wie vor nackt da. Auch der Freispruch verdeckt ihre Blösse nicht.

Aus der grossen Zeit dieser Wirtschafts-Herrscher klingt noch das schnarrende Befehlsdeutsch von Vreni Spoerry nach – unvergesslich.

Unvergesslich auch die Rolle der Unternehmensberatung McKinsey: Jahrelang hat sie das Swissair-Management strategisch beraten. Dafür kassierte McKinsey 100 Millionen Franken.

Vor Gericht in Bülach fehlte die neunmalkluge Beraterfirma. Gedöns von Consulting-Boys ist nicht einklagbar.

Doch auch König McKinsey ist nackt.

Die Swissair hätte nicht untergehen müssen. Nicht untergehen dürfen! Aus dem Drama – ja Drama – ist immerhin zu lernen: zum Beispiel Skepsis gegenüber Grossschwätzern, mit wie viel Macht und Geld und Vernetzung sie auch immer auftrumpfen.

Skepsis ist eine republikanische Tugend. Noch ist die Schweiz eine Republik.

[Quelle: SonntagsBlick vom 10. Juni 2007, Seite 31 bzw. blick.ch]

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Air Force One

June 12th, 2007 by G!

Sonntag, 10. Juni 2007, 1528Z
Airbus 321 HB-IOK, LX1839 Athen – Zürich, albanischer Luftraum 

"So etwas habe ich ja noch nie gesehen!"

Dies die Worte meines Captains, seines Zeichens schon über 20 Jahre in der Fliegerei. Gemeint hat er aber weder die äusserst charmante Flight Attendant, welche sich hervorragend um uns gekümmert hat (falls Du dies liest: danke!), noch das Zwischenresultat vom Tennismatch zwischen Federer und Nadal, welches uns von der Einsatzleitstelle mitgeteilt wurde.

Ich suche den Himmel ab und sehe einen Verband von fünf Flugzeugen, ein Zivilflugzeug in Begleitung von vier Kampfflugzeugen. Mein Kollege auf dem linken Sitz – langjähriger und noch aktiver Militärpilot – meint, dass dies kein Identifikations- oder Abfangmanöver sein dürfte, da Anzahl und Anordnung der Flugzeuge nicht stimme. Nur Sekunden später die Lösung am Funk: "AIR FORCE ONE …"! The President of the United States of America, George W. Bush, hat uns also mit seinem Schutzverband soeben nur einige Meilen entfernt gekreuzt.

Tja, leider muss man den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika so ablichten, wie’s grad kommt, auch wenn das Resultat nicht wirklich gut ist und ich denke, dass ein Sturzflug zwecks besserer Ablichtung bei den Bodyguards nicht wirklich angekommen wäre.. Also habe ich die Szene so gut wie technisch möglich festgehalten, die Qualität der Bilder ist aber wegen der Distanz und meiner inzwischen antiken IXUS V3 dürftig. (Das Nachfolgemodell ist noch in der Evaluationsphase…Tips nehme ich gerne entgegen.)

Details zur Air Force One gibts wie immer bei Wikipedia oder hier.

[myginpage=airforceone]

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MAD II: Traktorfahrschule

June 7th, 2007 by G!

Auf der letzten Rotation hatte ich wieder einmal das Vergnügen, in die Funk- und Fahrschule nach Madrid zu rollen fliegen. Ich habe schon früh beim Qualifizieren von Unterstellten im Militär gelernt, dass man – auch wenn einem eigentlich nichts nur wenig Gutes aufgefallen ist – dies zuerst erwähnen soll. Here you go: Die "Standard"-Taxi-Routes waren tatsächlich "in Kraft" (!). Die Funkanweisungen der Controller waren zwar immer noch nicht wirklich verständich, aber kurz und einfach. Hut ab vor dieser Leistung.

Aber auch dieses mal konnten die señoras y señores Controller nur mit einem leicht unterwürfigen Flehen in der Stimme – gleich eines Spinnenmännchens, das nach erfolgreicher Paarung nicht gefressen werden will – zum Anworten bewegt werden.

Die Stimmung im Cockpit war dementsprechend gut, nicht nur, weil wir eine F/A auf dem Jumpseat hatten, sondern weil es nach einer rekordverdächtigen Rollzeit von unter 15 Minuten (ohne unsere maximale Rollgeschwindigkeit zu überschreiten) aussah. Dennoch, die einfachen Rollanweisungen und das deshalb ungewohnt reibungslose Rollen machte micht stutzig. Zweifel in der Art von "Wir sind doch in Madrid?" meldeten sich.

Meine Zweifel wurden bestätigt, als wir nur ca. 100m von unserem Standplatz die Anweisung bekamen, dass wir anhalten müssten. Ein Flugzeug werde aus unserem Nachbargate weggestossen. Ok, die hätten uns zwar vorher passieren und parkieren lassen können, aber das geht ja noch.

Zu früh gefreut – bienvenido en MADrid: Tatsächlich, nach einigem Warten wird vom Nachbargate ein AirEuropa Airbus 330 nicht gerade zügig zurückgestossen. Dann wird die Maschine angehalten. Vor unserem Gate. So klappt das nicht, denke ich. Nichts passiert. Warum sie den 330er nicht 50m weiter nach hinten schieben, damit wir in unser Gate können, weiss ich nicht. Da wir dem 330er genau gegenüber stehen, frage ich mich, was geschieht, wenn er wegrollen möchte. Nach hinten gehts ohne Rückwärtsgang und ohne den Pushback-Traktor nicht und vorne stehen wir. Inzwischen habe ich erkannt, dass der Traktorfahrer, der den 330er schiebt, wohl in der Ausbildung ist, denn aussen an der rechten Türe hängt in 007-Manier sein Instruktor, der Anweisungen durch das offene Fenster gibt:

Immerhin, die beiden Traktorpiloten teilen meine Bedenken und ziehen den 330er wieder vorwärts Richtung des Gates. Allerdings nur ca. 20m bis sie feststellen, dass es so nicht gut kommt und anhalten. Also wieder zurück. Wir warten schon knapp drei Minuten, als der 330er wieder am bekannten Ort steht: uns gegenüber und vor unserem Gate. Aber Torreros lassen sich nicht entmutigen und versuchen es noch einmal: es sieht zwar nicht schneller, aber genauer aus und sie schaffen es mit spanischer Gelassenheit, den 330er wieder an seinen ursprünglichen Standplatz zu stellen, olé!

Wir stehen noch. Da wir nicht wissen, ob die Traktor-Fahrschule mit dem 330er beendet ist oder nicht, warten wir mit südländischer Ruhe. Wir (und scheinbar die Traktorfahrer) wissen ja nicht, wohin der 330er soll… Nichts geschieht: der 330er bleibt stehen und wir auch. Da die señora Controllerin grad mit irgendwem in fliessendem Spanisch funkt, wissen wir nicht worum’s geht und können auch nicht fragen, ob sie uns vergessen hat. Wir warten. Als der 3000-Wörter-pro-Minute-Funkspruch, von dem ich nur Spanisch verstehe, zu Ende ist, warten wir auf die Rollfreigabe. Vergebens. Als ich die Dame dann höflich darauf Hinweise, dass die Swiss 202G noch warte, erschrickt sie. Totenstille. Siesta. Erstaunlich schnell erwacht die Dame aus dem Schock, gibt uns die Rollfreigabe und bedankt sich für den Hinweis und das Warten.

Wie gesagt: Rollzeiten unter der madrilenischen "Schallgrenze" von 15min sind faktisch unmöglich, denn wenn man es schaffen würde, finden sie sicher einen Weg, dies – wenn auch erst auf der Zielgeraden – zu verhindern: wir rollten 18 Minuten.

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