Hier einmal ein Beitrag, dessen einziger Bezug zum Fliegen ist, dass er mir während dem Standby-Dienst in den Sinn gekommen und verfasst worden ist:
Die Tour de France 2006 wurde in einer medienwirksamen Aktion zwei Tage vor deren Start von zahlreichen Favoriten (Jan Ullrich, Ivan Basso, Oscar Sevilla, Joseba Beloki ua.) gesäubert. Floyd Landis, einer der wenigen verbleibenden Favoriten, wurde – man hatte ihn wohl vergessen – quasi posthum eliminiert. Er habe ein Pflaster am Hoden gehabt, welches ihm seinen in der Geschichte der Tour nahezu einzigartigen Exploit ermöglicht, und ihm so zum Sieg der Tour 2006 verholfen habe. Obwohl seine A- und B-Probe positiv, und er damit des Dopings "überführt" war, bestehen heute, ein Jahr danach, schwere Zweifel an der Art und Weise, wie die Messergebnisse zustande kamen. Das Gerichtsverfahren dazu ist im Gange und ein Sieg Landis kann zum jetztigen Zeitpunkt zumindest nicht ausgeschlossen werden.
Im Vorfeld der Tour 2007 waren ebenfalls medienwirksame Dopinggeständnisse an der Tagesordnung. Neben meinem Kollegen NFF in seinem Blog, gaben nahezu das ganze (ehemalige) Team Telecom/T-Mobile und andere deutsche (Ex-)Fahrer in mehreren Pressekonferenzen ihren teils mehrjährigen Dopingmissbrauch zu. Den Sponsor freuts, denn diesem war klar, dass man es mit rennfahrerischer Leistung nicht mehrere Tage exklusiv auf die Titelseiten und Fernsehsendungen schaffen würde. Die betroffenen Minen diverser Telecom-Exekutiven eine Farce, denn das Sponsoring hat sich spätestens jetzt bezahlt gemacht.
Die Tour 2007 läuft seit nunmehr 14 Tagen. Um an der Tour teilnehmen zu können, mussten die Fahrer und Teams ein Statement unterzeichnen, dass sie keine Dopingmittel benutzen würden. Falls doch, drohen neben einem Ausschluss auch Geldbussen bis zu einem Jahresgehalt. Vor wenigen Tagen der Knall. Patrik Sinkewitz, ein Fahrer vom Rennstall T-Mobile, wird positiv getestet. Der erste Dopingfall der Tour 2007. ARD und ZDF – neu das Gewissen der deutschen Sportfans und TV-Zuschauer – steigen sofort aus der Übertragung aus. Verlierer: Der deutsche Steuerzahler, denn die Millionen Euro für die die Übertragungsrechte sind weg. Gewinner: Die privaten TV-Sender, die sofort für die staatlichen Eingesprungen sind und die Tour neu übertragen.
Was ist das für eine Heuchelei von ARD und ZDF? Sie wollen damit ein Zeichen für sauberen Radsport setzen. Das kann und soll nicht Aufgabe der staatlichen (!) Fernsehsender sein, welche einen Versorgungsauftrag haben. Tatsache ist, dass die Tour – Doping hin oder her – bei den Zuschauern sehr beliebt ist. Schliesslich lese ich auch NFF’s Blog trotz seiner Beichte noch immer ;-). Wo bleibt die Kundenorientierung? Das Handeln von ARD und ZDF erinnert an totalitäre Bevormundungssysteme früherer Ostblockstaaten. Für den ZDF sind solche Methoden nicht neu: Schon bei der Tour 2004 blendete man ein Interview des deutschen Jens Voigt aus, als sich dieser über die Berichterstattung vom Vortag beschwerte, auf Grund derer er von Zuschauern angegriffen wurde.
Dopingmissbrauch wurde schon in nahezu jedem Spitzensport nachgewiesen. Leichtathletik: Carl Lewis und Ben Johnson sind nur zwei Ikonen – und ehemalige Weltrekordhalter – ihrer Disziplin, welche überführt wurden. An den olympischen Sommerspielen in Athen wurden diverse Athleten überführt. Sind ARD und ZDF aus der Übertragung ausgestiegen? Nein. Sie werden es auch in Zukunft nicht, denn man hat schon bekannt gegeben, dass dies "kein Präjudiz für andere Sportarten" sei. Und warum nicht? ARD und ZDF sind also berufen, um ausgerechnet den Radsport vom Doping zu befreien? Kugelstösser, Gewichtheber, Sprinter, Langläufer usw. können weiter medial unterstützt dopen?
Jan Ullrich. Bis heute – mehr als ein Jahr nach seinem Tour-Ausschluss – wurde sein Dopingmissbrauch noch nicht offiziell bewiesen und er wartet immer noch auf das "Urteil". Weshalb man einen Sportler von seinem Beruf ausschliessen kann, ohne dass Beweise vorliegen, welche eine sofortige Verurteilung ermöglichen, erscheint mir höchst fragwürdig. Ulle hat die Tour de France 1x gewonnen, wurde 5x Zweiter, 1x Dritter und 1x Vierter. Dazu kommen nicht weniger als sieben Tour-Etappensiege. In Jahren, in welchen er zwar unter die Top4 fuhr, aber gegen Lance Armstrong nicht gewinnen konnte, brach eine Medienschelte ohne Vergleich über ihn herein. Verlierer war wohl das schönste Wort. Woher nehmen die Medien das Recht, einen Fahrer mit diesem Leistungsausweis so zu behandeln? Vielleicht müssen sich die selbsternannten medialen Hüter von Sitte und Ordnung nicht wundern, wenn der sowieso schon immense Druck eines Profis dann im Griff zur Pille endet.
Zum Schluss: Ich bin auch für einen sauberen Sport, habe aber noch mehr gegen die totalitären Methoden staatlicher Anstalten und die damit auf die Spitze getriebene Heuchelei. Die Tour habe ich schon immer im Eurosport verfolgt, weshalb mich der Ausstieg von ARD und ZDF nicht betrifft.
Bei der Tour de France fährt ein Profi in 3 Wochen 3500km. Diese Leistung ist – mit oder ohne Hodenpflaster – übermenschlich und verdient Anerkennung. Denn das Pflaster tritt nicht in die Pedalen. Und die Journalisten schon gar nicht.
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